Ein irrer Duft von Kaffee und Kardamon: ein Holländer in Nicaragua

Ein betörender Duft von geröstetem Kaffee, vermischt mit dem Geruch aromatischer Gewürze, erfüllt die Geschäftsräume von Frank Schuringa. Der holländische Unternehmer hat sich mit seiner nicaraguanischen Frau und Familie in San Marcos niedergelassen und dort in den vergangenen Jahren einen beeindruckenden Betrieb aufgebaut. Das nötige Rüstzeug erwarb er sich in jahrzehntelanger Arbeit. So wirkte er als Berater einer holländischen Firma zunächst für neun Jahre in Afrika und seit 1983 nochmals 13 Jahre lang in Nicaragua. Seit 1996 baut er sich seine eigenen Standbeine in Nicaragua auf: In mehreren kleinen Farmen werden Kaffee und Kardamon angebaut. Er produziert Öl, organische Düngemittel, Wasserfilter aus Ton und betreibt eine Tischlerei. Die kleinen kontinuierlich arbeitenden Betriebe beschäftigen derzeit 120 Arbeitskräfte. Damit betreibt Frank ein für nicaraguanische Verhältnisse beachtliches Unternehmen. 
Der Holländer ist kein Mann großer Worte. Er beginnt seine Unternehmungen lieber klein und stockt dann langsam, aber nachhaltig auf. Der Familienvater ist sich der Verantwortung für seine Angestellten und deren Familien bewußt, ebenso wie seinen Kunden gegenüber. Daher setzt er auf einen konsequent ökologischen Anbau von Kaffee und Kardamon. Selbst den dazu notwendigen Dünger stellt er - ganz  ökologisch - selbst her: Benötigt werden organisches Material wie das Fruchtfleisch und die Schalen der Kaffeebohnen, Grasschnitt, Kuhmist, organische Abfälle, Regenwürmer, Feuchtigkeit, dunkle Folie und Platz. Innerhalb von zwei Monaten arbeiten die Würmer das gesamte Material zu feinster ökologischer Komposterde durch, die dann wiederum an den Sträuchern seiner Kaffeeplantagen zum Einsatz kommt. Das Ergebnis ist ein wunderbar aromatischer Kaffee, der in Kombination mit Kardamon aus eigener Produktion noch eine ganz besondere Note erhält.

 

Nicht weniger beeindruckend ist aber Frank Schuringas Herstellung von Wasserfiltern, die er auf Bitten eines Freundes für Abnehmer in mehreren afrikanischen Ländern fertigt. Dazu formen Schuringas Mitarbeiter große Tontöpfe (wie Blumentöpfe ohne Loch), brennen sie in vier Brennöfen bei sorgfältig überwachten 850°C und streichen sie anschließend innen mit einer speziellen Lasur ein. Diese einfachen Gefäße filtern sehr effektiv Schmutzwasser auf Trinkwasserqualität.

Stolz präsentiert Herr Schuringa aber auch seine sozialen Projekte. Er unterstützt nicht nur nicaraguanische Schulen mit Material und bei der Bezahlung der Lehrer oder das Altersheim in San Marcos mit der täglichen Essenversorgung, sondern hat auf seinem Gelände einen großen Pool gebaut, in dem die Schulkinder und Erwachsenen von San Marcos schwimmen lernen. Die Nicas können nämlich in den meisten Fällen nicht schwimmen und erhalten hier eine völlig neue Erfahrung.

Hella Tänzer                                                                                      Bad Berka

im November 2010

Abenteuer im Land der Sandinisten und Kaffeepflanzen

Nachdem es unseren Stadtkaffee San Jena nun schon seit einigen Monaten bei uns im Weltladen zu kaufen gibt, ist es endlich soweit: Ich darf San Marcos in Nikaragua endlich einmal selbst kennen lernen. Drei Wochen Aufregung, Abenteuer und Arábica liegen vor uns. Ich bin mit einer Gruppe von Jugendlichen unterwegs, die sich um die Website www.meine-partnerstadt.de kümmern.

Mein ganz persönlicher Höhepunkt sollte der Kurztrip auf die Kaffeeplantage in San Rafael del Norte werden. Von dort kommt ein großer Teil unseres Stadtkaffees San Jena. Die Firma Toledo mit Sitz in San Marcos betreibt hier zwei Fincas, Gloria I, die ältere, auf der heute Kardamomfelder zu finden sind und Gloria II, wo sich große Kaffee- und Maisfelder erstrecken. Zu Erntezeiten arbeiten hier bis zu 80 Menschen.

Die gesamte Firmenleitung, verschiedene Mitarbeiter und vier Pick-ups erwarten unsere Gruppe am Morgen an der Unterkunft in San Rafael del Norte. Offensichtlich freut man sich wirklich über unseren Besuch und wahrscheinlich auch darauf, wie wir Europäer wohl durch den Schlamm der Felder stapfen – schließlich herrscht hier gerade Regenzeit. Wir hätten vielleicht stutzig werden sollen, dass die Nicas alle mit Gummistiefeln ausgerüstet waren und wir lediglich unsere Halbschuhe vorzuweisen hatten. Aber alle Bedenken sind wie weggewischt, als wir die Ladeflächen der Pick-ups erklimmen und es endlich losgeht. Die Straße ähnelt eher einem ausgewaschenen Flussbett mit vielen, vielen Höhen und Tiefen. Mehr oder weniger geschickt versuchen wir Deutschen, dem Hin- und Herschaukeln der Autos entgegenzuwirken, begleitet von lautem Gelächter, Anfeuerungsrufen und aufgeregtem Gejohle. Nach einer Viertelstunde gibt es einen ersten kurzen Zwischenstopp, die Nicas wollen unseren Gliedmaßen eine kleine Pause gönnen. Die mitgereisten Nicas aus San Marcos fragen uns, ob es bei uns im Winter auch so kalt wäre, was uns ein mildes Lächeln entlockt – herrschen hier doch für uns normale 17 °C. Nachdem wir sie mit unseren Jacken versorgt haben, geht es unverzagt weiter zur nächsten Station, einer kleine Siedlung, in der man uns herzlich begrüßt und uns vom Leben in der Kooperative und von der Schule erzählt, dessen Lehrer von dem Unternehmen Toledo bezahlt wird, damit die Kinder hier ordentlich in die Schule gehen können.

Nach einem rutschigen Abstecher auf ein erstes Kaffeefeld - es ist alles verflixt steil und matschig, ein Königreich für ein Paar Gummistiefel! – geht es nun zu Fuß weiter auf die großen Kaffeefelder. Die mit Macheten ausgerüsteten Verwalter führen uns durch ihr Reich, zeigen uns Kaffeepflanzen in den verschiedenen Wachstumsstadien, erklären Anbau und Ernte und stützen uns bei schwierigen Wegstrecken. Wir befinden uns hier in ca. 1.100 m Höhe und der Kaffee wird an den Hängen angebaut. Geerntet wird aber glücklicherweise in der Trockenzeit ab November.

Nach einer kurzweiligen Pause auf der Finca Gloria I, wo auch gerade eine neue Schälanlage nach strengen ökologischen Vorgaben errichtet wird, geht es weiter zu den Kardamomfeldern auf Gloria II. Ein Duft von Kardamom und Zitronengras, das hier überall am Wegrand wächst, umgibt uns, während wir in die Feinheiten des Anbaus eingeweiht werden. Langsam werden die Nicas unruhig, ein Blick nach oben verrät uns auch, warum. Um uns herum färbt sich der Himmel langsam dunkelgrau – ein Gewitter zieht auf. Alles drängt zur Eile, wir ziehen unsere Regenjacken an, verstauen unsere Rucksäcke und die vorsichtigen Mitstreiter in den Autos und die Verrückten unter uns springen wieder auf die Ladeflächen. Ausgerüstet mit einer großen schwarzen Plane begeben wir uns auf die abenteuerliche, holprige Rückfahrt. Und dann bricht es los – Donner, Blitze und unglaubliche Wassermassen haben das Kommando übernommen. Wir hocken begeistert unter der Plane, die wir festhalten müssen. Das Regenwasser findet seinen Weg aber auch unter die Plane, wir werden immer nasser und sind trotzdem einfach nur begeistert von dieser unglaublichen Erfahrung. So schnell, wie es begann, endet das Gewitter und wir genießen den Rest der Fahrt aufrecht stehend, nun schon geschickter, was die Festhaltetechniken angeht.

Erst jetzt können wir uns ansatzweise vorstellen, wie viel Mühe, Arbeit und Aufwand hinter einer Tasse Kaffee stecken. Und doch - selten hatte ich so viel Freude daran, pitschnass und schlammverkrustet zu sein.

Solvejg Spirling

August 2011

Mit einer Förderung durch die Stiftung Nord-Süd-Brücken Berlin und den Evangelischen Entwicklungsdienst konnten wir im Jahr 2011 eine Reihe von Aktivitäten ausführen, um den Fairen Handel in Jena und Umgebung zu voranzubringen.

Als ein Teil dieser Aktivitäten haben wir eine Sonderausgabe unserer Städtepartnerschaftshefte herausgegeben. Lesen Sie es hier