Müllprojekt

Nicaragua hat ein Müllproblem …

… wie Deutschland auch.

Und doch sind die Probleme unterschiedlich.

Während die reiche BRD es sich leisten kann, dieses Problem durch Gebühren, Verwertung oder (legalen wie illegalen) Export zu lösen, bleiben nikaraguanische Städte wie San Marcos auf ihrem Müll sitzen – und das ist allzuoft wörtlich zu nehmen.

Die Vermüllung vieler nicaraguanischer Städ-te hat andere Ursachen als bei uns:

· Die Industrie- und damit die Wegwerfgesell-schaft ist in relativ kurzer Zeit über Nicaragua ge­kommen: Wo vor 40 Jahren das Essen auf der Straße noch auf Bananenblättern oder Papptellern verkauft wurde, dominieren heute Plasteteller und -flaschen die Szene. Und hier kommt der menschliche Faktor in´s Spiel, denn Gewohnheiten ändern sich auch in Lateinamerika wesentlich langsamer als die Technologie, und so wird die Getränkeflasche eben aus dem Bus geworfen, statt sie zum nächsten Abfalleimer (von denen es zudem zu wenige gibt) zu tragen.

· Müllvermeidung, Mülltrennung, Müllverwertung – das alles muß man sich leisten können; Um­weltschutz kommt erst dran, wenn man satt ist, ein Dach über dem Kopf hat und über eine ent­sprechende Bildung verfügt. In einem gebeutelten und ausgebeuteten Land wie Nicaragua stehen viele Probleme zur Lösung an – das Müllproblem rangiert dabei noch nicht an erster Stelle. Doch sowohl die Zentral- als auch die Lokalregierung haben die Zeichen der Zeit erkannt und so rücken sowohl die Abfallbehandlung als auch der Umweltschutz immer mehr in den Fokus der politischen Aktivitäten: eine gute Voraussetzung dafür, unsere Projekte in Kooperation zwischen den Stadtverwaltungen und den Vereinen zu planen.

· Auch wenn mit Recycling und anderen Technologien der Müllverwertung Geld verdient werden kann – die Anfangsinvestitionen zur Verbesserung der Müllentsorgung müssen erst einmal aufge­bracht werden. Und genau hier setzt unser Projekt an.

Vorgeschichte: Es ist schon zu einer kleinen Tradition geworden, daß unser Oberbürgermeister Dr. Albrecht Schröter ein größeres Projekt in unserer Partnerstadt San Marcos „adoptiert“. Nachdem das erste große Vorhaben, die Installation eines kommunalen Radiosenders in San Mar­cos, im Jahr 2009 erfolgreich beendet werden konnte (das Radio arbeitet inzwischen kosten­deckend), packen wir jetzt den nächsten Brocken an.

Das Müllprojekt hat verschiedene Schritte:

· Es wurde ein Wertstoffhof eingerichtet, welche den bisherigen, nahezu ausgelasteten ungeordneten Müllablade-platz ersetzt. Das Grundstück – welches die Stadt San Marcos als ein Eigenanteil in das Vorhaben einbringt – ist groß genug, um hier den Müll zu klassifizieren, zu trennen und seiner weiteren Verwendung zuzuführen.

· Etwa 80% des Hausmülls bestehen in Nikaragua aus organischen Stoffen. Ein großer Teil davon kann in einer Biogasanlage verwertet werden, ein Teil wird kompostiert. Der so ge­wonnene biologische Dünger wird verkauft, was zur finanziellen Nachhaltigkeit des Müllsystems beiträgt. Daneben kann er dazu verwendet werden, den Boden auf städtischen Flä­chen und in öffentlichen Parks zu verbessern.

· Bei den übrigen, nichtorganischen 20% des Abfalls geht es darum, die recycelfähigen Anteile wie Papier, Metalle und bestimmte Plastesorten vom Restmüll zu trennen. Das soll zum einen in den Haushalten und zum anderen auf der Deponie geschehen.

· Um die Mülltrennung in den Haushalten voranzubringen, wird eine intensive Öffentlichkeitsarbeit über Schulen, Kirchen, das kommunale Radio u. a. betrieben. Das geschieht im Rahmen der Klimapartnerschaft zwischen Jena und San Marcos und wird außerdem von der Städtepartnerschaft Biel - San Marcos gefördert.
Um die Müllerfassung zu verbessern, haben Biel, Helmond und Jena den Kauf von Hand- und Pferdewagen finanziert, damit der getrennt gesammelte organische Abfall zu den Biogasanlagen transportiert werden kann.
Parallel dazu werden an gut zu­gänglichen Orten Sekundärrohstoffsammelstellen eingerichtet.

· In den landwirtschaftlich geprägten Außenbezirken und in Dörfern bei San Marcos werden kleine Biogasanlagen installiert, um organische Abfälle in Biogas und biologischen Dünger zu verwandeln. Es ist vorgesehen und sinnvoll, diese Biogasanlagen mit Blockheizkraftwerken zu koppeln. Letztere sind aber in Nicaragua noch nicht verfügbar.

· Als Teil der Öffentlichkeitsarbeit wird darauf hingewirkt, daß mehr Haushalte als bisher ihre Müllgebühren be-zahlen. Das ist in einem armen und wirtschaftlich schwachen Land wie Nicaragua schwer genug, appelliert aber an die Verantwortung der Bürger für das Gemeinwesen. 

Was wir mit diesem Müllprojekt vorhaben, ist nicht nur das bisher größte Projekt, das wir in San Marcos begleiten – es ist für diese Stadt auch eine große Umwälzung. Und es ist ein weiterer Aus­druck der Freundschaft, der Partner-schaft, die in den vergangenen Jahren zwischen San Marcos und seinen europäischen Partnerstädten gewachsen ist.

Berichte über den Besuch einer Delegation aus Jena im November 2011 hier